Mama
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Mein Kind

Jesper Jul nennt dich „autonom“. Vielerorts las ich dich als „hochsensibel“. Das bin ich auch. Irgendwo las ich den Satz „trotz autonomen Kind noch ein 2. Kind?“.
Meine Gedanken sind gerade so wirr. So viel passiert in mir. Hochsensible Menschen haben ein irres Innenleben. Das hatte ich wirklich immer schon. Jetzt hat es einen Namen. Bei dem Gedanken, dass du kleiner Mensch auch so ein Innenleben hast, kann mir ganz schön schlecht werden manchmal. Denn selbst ich als erwachsene Seele hab so meine Schwierigkeiten damit. Wie kannst dann du es schaffen?
Autonom bedeutet in diesem Fall, dass du kein Nein akzeptierst, dass du nur deinen Weg gehst. Alle Kinder wollen kooperieren. Auch du. Aber es ist so schwer zu sehen ganz oft, weißt du?
Manchmal benutze ich den Fernseher als Babysitter. Wenigstens 60 Minuten, in denen du nicht ankommst und irgendwas von mir willst. Ich weiß, das klingt gemein. Es ist wahrscheinlich scheiße. Und natürlich weiß ich auch, dass 60 Minuten viel zu viel sind. Und doch. 60 Minuten in denen ich einfach mal Kartoffeln schäle ohne Geschrei. Ohne Gejammer. Ohne „ich will aber“.
Schon wenn wir morgens aufstehen werden mir gleich diese 60/30/45 Minuten zum Verhängnis. „Wann darf ich Fernsehen? DOCH! ICH WILL ABER“. „Nie mehr“, schreie ich dann manchmal. Zum Glück mittlerweile nur noch in meinem Kopf. Denn dich anschreien, das hab ich gemerkt, das bringt so gar nichts. Und macht mich nur noch trauriger.
60 Minuten an diesen kindergartenfreien Tagen, die unser Alltag geworden sind, weil du absolut nicht mehr hinwolltest und ich dich beschützen will. Zurecht wie ich heute weiß, so froh auf dich gehört zu haben. Du bist so klug mein Kind, du hast so viel Empathie und so viel Gefühl in dir, deine Stimme hatte genau den richtigen Unterton, als du mich batest, nicht mehr im Kindergarten bleiben zu müssen. Ich habe das wahrgenommen – vielleicht weil ich auch hochsensibel bin. Jetzt wissen wir, dass du recht hattest. Dass die neue Erzieherin handgreiflich und streng war. Du hast dich selbst beschützt.
Du bist doch erst 4.
In deinen guten Zeiten spielst du vertieft. Du bist ganz bei dir. Deine kleinen, blonden Haare hängen zaus vom Kopf weg. Die willst du selten kämmen und frisieren. Eben nur wenn du willst. Du siehst aus wie ein Küken. Mein Küken.
In deinen guten Zeiten kannst du schon rechnen. „Mama“, rufst du dann, „Mama, noch mehr Aufgaben“. In deinen guten Zeiten kannst du auch schreiben. Du schreibst jedes Wort, dass ich dir zeige einwandfrei. Du bist stolz und erfüllt. Ich sehe das.
In deinen guten Zeiten bist du geerdet. Du plapperst laut und erzählst richtige Geschichten. Du erzählst mir, dass die Erde eine Kugel ist und der Mond auch und wie unglaublich du das findest. „Und weißt du Mama…?“ „Ja mein Küken, ich weiß.“
Dann schleppst du die Baumstämme draußen und kletterst und bist so ganz bei dir und ganz du selbst. Du bist einfach so frei dann.
Dein Schnuller ist dein bester Freund. Wie viele Kämpfe haben wir gefochten? Wie oft kam die Schnullerfee? Wie viele Tränen haben wir eigentlich schon für dieses verflixte Ding vergossen? Du lässt ihn nicht gehen. Du kannst es nicht. Du willst es nicht. Ich glaube das vor allem. „Braucht sie denn immer noch einen Schnuller?“ „Sie ist doch schon so groß“ „Zwei Wochen Geschrei – dann ist das erledigt“. Das sagen die anderen zu mir. Aber ich kann es einfach nicht. Möchte dich nicht brechen, obwohl ich sicherlich schon viele Fehler gemacht habe. Möchte dich beschützen, vor all diesen Stimmen da draußen.
Das wichtigste für dich, ist selbst zu bestimmen.
Schon morgens ziehst du dich nicht an. Auch nicht um 11. „Weil ich das nicht will, Mama“. Ich habe alles gelesen – ich kenne alle Tipps. Ich versuche dich in deinen Wutanfällen zu spiegeln – Es funktioniert nicht. Früher hast du dann immer gesagt „lass das Mama“. Ich versuche dich zu umarmen du stößt mich weg. Du schlägst nach mir. Und dann willst du gleichzeitig auf meinem Arm sein. Manchmal schlägst du so feste, dass es richtig brennt. Ich werde niemals zurückschlagen und doch kann ich das Gefühl verstehen, dass diejenige Mama hat, die es macht. Zum Glück ist mir das letzte Stück Verstand dann noch erhalten. Ich denke manchmal in deiner Wut: „ich brauche jetzt einen Kinderpsychologen“ oder „was würden die Autorinnen von ‚gewünschtetes Wunschkind“ jetzt tun? Oder Nora Imlau? Oder Herbert Renz-Polster oder Jesper Jul? Oder all die Pioniere auf diesen Gebieten, die ich so toll finde und für deren Arbeit ich so dankbar bin. Ich weiß, die Eltern mit den „normalen“ Kindern werden sich jetzt wundern. „Wie kann sie nur?“ Aber ganz ehrlich? Das hier ist nicht normal.
Ich krieg auch oft gesteckt: „Bei uns gäbe es diese Diskussionen gar nicht“ oder „Schick sie doch auf ihr Zimmer“. Aber das will ich nicht – du gehörst doch immer zu uns, auch wenn du schreist und wütest.

Hochsensibilität ist eine Gabe, ich weiß das, weil ich mich seit Jahren damit beschäftige. Als hochsensible Mama ein hochsensibles Kind zu haben, kann eine Höllenfahrt sein. Und manchmal eine Himmelsfahrt.

Zum Glück haben wir ganz früh Maria Montessori’s Arbeit für dich entdeckt – und doch, hier Zuhause, hier mit noch einem Geschwisterkind, das ganz anders ist als du, hier weiß ich oft nicht, weiter. Eigentlich im Moment nur noch selten. Ich fühle mich ganz allein dann. Denn dein Papa muss immer arbeiten und ist nie da. Und du willst auch ganz oft nichts von ihm wissen, wenn er denn da ist. Dabei ist er doch dein Papa. Aber wir haben das zugelassen, denke ich. Als du nur unser einziges Kind warst. Wir haben zugelassen, dass du immer auswählen darfst. Du versuchst zu bestimmen – du versuchst mich ganz für dich allein zu haben. Immer. Und ich gebe dir so viel – und nie ist es genug.

Manchmal darf ich nicht mal gehen. „Geh einfach“, sagt dein Papa dann und hält dich an den Armen. Das schreiende Bündel, dein Gesicht so wutverzerrt. Aber ich kann es dann einfach nicht. Weil ich nicht konsequent bin. Weil ich dich nicht brechen will.
Ich fühle mich so allein ganz oft. Wirklich oft. Obwohl dein Papa ein toller Mensch ist und Unterstützer. Aber ich glaube, dieses besondere Mama – Kind Ding, das kann nur der verstehen, der es selbst erlebt. Abends im Bett liege ich und wälze mich und schaue dich an. Du liegst in unserem Familienbett- ich kriege immer mit wenn du eine schlechte Nacht hast, wenn du wild träumst oder ganz tief schläfst. Du spielst sogar nachts oft an meinen Haaren. Seit 4 Jahren schlafe ich nicht mehr allein – ich habe Nächte hinter mir mit dir, in denen ich sprichwörtlich ausgerastet bin weil ich mich so bedrängt gefühlt habe und du trotzdem meine Haare zwirbelst damit du schlafen kannst. „Ich bin nie alleine“ schoss es mir vor kurzem Nachts durch den Kopf. „Nicht mal nachts kann ich alleine schlafen. Das ist doch irre“. Und trotzdem war und ist das Familienbett so gut und richtig.
Der Fehler muss irgendwo in diesem System hier sein. Ich weiß das. Ich finde ihn aber nicht. Ich kann diesen scheiß Fehler einfach nicht finden. Ich tue ALLES. Ich vergesse mich selbst darüber. Ich vergesse sogar manchmal deine kleine Schwester darüber. Weißt du wie beschissen das ist? Ich könnte schreien und heulen und alles kaputt schlagen. „Liebe“, erinnere ich mich dann selber „sieh es mit den Augen der Liebe“. „Atme“, erinnere ich mich dann, „du musst nur atmen“. Im Moment reicht das irgendwie nicht.

Und morgen ist Montag. Und der Alltag geht wieder los und ich renne wieder los und arbeite und bin hier und räume auf und bin hier und räume auf und spiele und tröste und koche und bin hier und räume auf und bin hier und bin hier und bin hier…

Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, dass mein Herz fast platzt. Du bist so klug mein Kind du weißt immer alles. Du fühlst es alles. Mein Schmerz ist dein Schmerz und dein Schmerz ist mein Schmerz. Du stellst mich vor ein Rätsel – du bist meine Aufgabe. Ich werde den Weg für uns finden, ganz bald, ganz bestimmt. Vertraue mir.

3 Kommentare

  1. Julia sagt

    Hey Laura,
    Das ist wunderschön geschrieben. Beim lesen kamen mir die Tränen, nicht weil es mir leidtut, dass es manchmal so schwer ist, sondern, weil ich finde, dass du eine tolle Mutter bist und allein die Tatsache, dass du alles dafür tust dein Kind zu beschützen, es zu verstehen, auf sie einzugehen und nicht auf irgendwelche Stimmen von außen zu hören ist so stark und (meiner Meinung nach 😉 soo wichtig – egal ob autonomes Kind oder nicht. Schade, dass wir nicht mehr soviel Kontakt haben, dafür bleibt oft nicht die Zeit… aber lass mich auf diesem Wege sagen wie toll du bist und wie wunderschön du Dinge und Situationen in Worte fassen kannst😘

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  2. Wow! Du Powerfrau! Kenne das ganze Theater. Wir (zwei meiner drei Jungs und ich) sind auch hochsensibel. Ähnliche Kindergarten-Erfahrungen haben wir auch – leider… Und das mit dem Familienbett…Same here! Durchhalten! Ich habe das Glück Omas und Opas in der Nähe zu haben, zu denen die Bindung sehr gut ist… Du hörst Dich ganz schön „überarbeitet“ an! Wäre ne Mutter-Kind-Kur was für euch?!
    Von HS-Mama zu HS-Mama sende ich die wärmsten Grüße ♥️♥️♥️♥️
    Deine Lotte 😘

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    • Laura sagt

      Liebe Lotte,
      vielen vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ja, manchmal denke ich auch, ich bin überarbeitet aber irgendwie wuppe ich es dann doch und es gibt auch entspanntere Phasen als diese. Zum Glück! Liebste Grüße zurück ❤

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